Von der Ausrottung zum Gleichgewicht. Wie Epidemien nach dem ersten Weltkrieg komplex wurden – J. Andrew Mendelsohn

Nach dem ersten Weltkrieg und vor allem unter dem Eindruck der Spanischen Grippe 1918/19, der bisherige bakteriologische und epidemiologische Theorien rat- wie hilflos gegenüberstehen, vollzieht sich ein Paradigmenwechsel in der Epidemiologie. Der Medizinhistoriker J. Andrew Mendelsohn vollzieht diesen Wechsel und seine Protagonisten nach, indem er den Weg von der Arbeit der „Bazillenjäger“ wie Robert Koch und vieler Hygieniker zu statistisch, mathematisch und holistisch orientierten Ansätzen und Modellen verfolgt. Hatte man lange Zeit den Ausbruch von Epidemien mit militärischem Vokabular als eine „Invasion“ beschrieben, die es zurückzuschlagen gilt, wobei die Krankheitsherde aufzuspüren und auszurotten sind, wandelt sich die Sprache Anfang des 20. Jhdt.s zu der von einer „Gleichgewichtsstörung“ hin. Dies hängt unter anderem damit zusammen, dass man vergangene Epidemien von Cholera, Gelb– oder Fleckfieber als „exotische Krankheiten“, die in den Lebensraum eindringen, beschreiben konnte. Mit den nun auftretenden Ausbrüchen von Meningitis (Genickstarre), Encephalitis (Hirnhautentzündung) oder eben der Grippe (Influenza) scheint es sich anders zu verhalten. Sie kommen unheimlicher Weise scheinbar von „innen“. In den 1920er und 30er Jahren entsteht dann die experimentelle Epidemiologie, der Blick wandert von Einzelschicksalen hin zur Infektion von Populationen. Nachdem Koch die Choleraepidemie in Hamburg 1893 noch mit den klassischen bakteriologischen Mitteln der Verfolgung und Ausrottung unter Kontrolle bekommen hat, scheint die Laborarbeit der Bakteriologen, die sich auf einzelne Erregerstämme in der Petrischale konzentriert, vielen Wissenschaftlern als naturfern. Die bakteriologische Lehre von Quellen und Wegen der Infektion konnte Anfang des 20. Jhdt.s mit der Beschreibung von gesunden Überträgern noch zufriedenstellend Krankheiten zurückverfolgen. Die Spanische Grippe scheint sich jedoch nicht so einfachen Mustern zu beugen. Die Biometriker (etwa Pearson oder Greenwood) untersuchen mit mathematischen Modellen die statistischen Eigenheiten von Epidemien. Vor dem Eindruck der Katastrophe, die die Spanische Grippe darstellt, wenden sich zunächst alle Schulen ihren Grundsätzen zu, um verschüttete Antworten zu entdecken. Alte Lehren vom Kontagium und weitere teilweise mystisch anmutende Erklärungen, bis hin zur Einbeziehung der Kosmologie, werden befragt, bis man schließlich sowohl auf Seite der Bakteriologen als auch auf der Seite ihrer Gegner aufeinander zugeht. Die neue Komplexität von Krankheiten führt zur Wende von der monokausalen zu multikausalen Ursachenforschung. Die neuen Objekte der Bakteriologie sind nun nicht mehr nur die Gegenstände (Körper, Bakterien), sondern die Verhältnisse, in denen sie sich befinden, also Relationen.

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